Ni-Hau China

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Das „Hubei Institute of Fine Arts“ in Wuhan, gegründet 1920, ist die älteste Design- und Kunsthochschule des modernen Chinas und zählt zu einer der drei wichtigsten Hochschulen dieser Fachrichtungen im Land. Mit ihren 6.400 Studierenden, an drei unterschiedlichen Standorten, entspricht sie etwa der Gesamtgröße der TUHH.
Im 5-jährlichen Turnus veranstaltet die Hochschule eine internationale »East + West Design Week« zu der Dorothee Schielein vom 26. März bis 2. April 2017 als Dozentin für einen Plakatworkshop sowie als Jurymitglied für einen internationalen Plakatwettbewerb eingeladen wurde.

Ein Reisebericht von Dorothee Schielein


Wuhan, eine Großstadt im Zentrum Chinas, weit weg von der Küste, aber umgeben von vielen Seen und Flüssen hat eine Größe von ca. 11 Mio. Einwohnern. Durchzogen von vierspurigen Autobahnen erscheint die Stadt in einem grauen Smogschleier. Am Horizont befinden sich unzählige Hochhausbaustellen, die wie Termitenbauten in den Himmel ragen. Es scheint, als würde die Population der Bevölkerung parallel zum Bau der Wolkenkratzer wachsen, um allen Bewohnern möglichst schnell ein Zuhause zu geben.



Obwohl ich bereits 2012 die Stadt Guangzhou im Süden Chinas kennenlernen durfte, war die Einladung nach Wuhan eine Reise mit sehr vielen Unbekannten. Bereits bei der Vorbereitung zu meinem 5-Tage-Workshop zur Plakatgestaltung war dies deutlich spürbar. Es gab bis zum Start des Workshops weder Informationen zur Gruppengröße oder den Kompetenzen der Studierenden noch zu technischen Hilfsmitteln im Seminarraum. Erst als ich vor der Klasse stand und mich vorstellte, wurde ich mit den Gegebenheiten konfrontiert:

130 Studierende in zwei Gruppen (60 Studierende am Vormittag und 70 Studierende am Nachmittag, jeweils 3 Stunden). Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden aus drei unterschiedlichen Kursen und mit einer großen Bandbreite gestalterischen Niveaus zusammengewürfelt. Da der Großteil der Studierenden kaum Englisch sprach, unterstützte mich Herr Fugui, ebenfalls Designstudent, als Übersetzter ins Chinesisch. Mit so vielen Studierenden hatte ich nicht gerechnet, deshalb war ich leider nach meiner Keynote gezwungen „Türschwellenpädagogik“ zu praktizieren, welche das Betreuungsproblem durch Mehraufwand an Anwesenheit zur Folge hatte. Im weiteren Verlauf des Workshops zeigten sich jedoch noch weitere Schwierigkeiten.

Zunächst war die sprachliche Hürde durch den Transfer der Inhalte vom Deutschen ins Englische und vom Englischen ins Chinesische und wieder zurück ein großes Problem. Auf dem Weg der Übersetzungen gingen nicht nur Informationen verloren, sondern wurden auch missverstanden oder waren falsch. Die Missverständnisse konnte ich bereits am Gesichtsausdruck der Studierenden ablesen, aber die unzureichenden oder falschen Informationen waren erst in der Umsetzung, also im Layout, sichtbar. Damit wurden die Zyklen der Iteration deutlich umfangreicher und zeitaufwendiger als in Layoutprozessen ohne Übersetzungen.

Eine weitere Herausforderung waren die kulturellen Unterschiede. Chinesische Schriftzeichen beinhalten, durch die Vielzahl an bildhaften Bedeutungen, einen Kosmos an Interpretationen. Neben der Übersetzung der einzelnen Zeichen musste Herr Fugui bei jedem Entwurf auch eine Erklärung zu den kulturellen Kontexten liefern. Was sich in manchen Fällen als unübersetzbares Problem herausstellte. Layoutkorrekturen meinerseits mündeten in diesen Fällen in Vorschläge, die nach anderen, für mich nachvollziehbareren gestalterischen Lösungen verlangte.

Alles in allem war der Zeitaufwand für die Vermittlung und Kommunikation der Inhalte mehr als doppelt so groß wie in meinen deutschsprachigen Seminaren.

Von den sprachlichen und kulturellen Unterschieden abgesehen, hatten die chinesischen Studierenden bei der Umsetzung ihres Designs mit den gleichen gestalterischen Problemen zu tun wie jede andere Gestalterin oder jeder Gestalter.


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Jedoch konnte ich beobachten, dass an dieser Hochschule ein Verhalten im traditionellen Meister–Schüler Verhältnis gepflegt wurde, das keine Diskussion über Inhalte vorsah. Die Studierenden waren fixiert auf mein Urteil und handelten danach. Leider entstand dadurch kein inhaltlicher Austausch, der mich persönlich sehr interessiert hätte. Glücklicherweise entwickelte sich mit dem jungen Übersetzter Herrn Fugui eine spanende Auseinandersetzung über Design, Politik und Gesellschaft, die wahrscheinlich erst durch unsere gleichberechtigte Zusammenarbeit möglich wurde.

Obwohl die teilnehmenden Studierenden aus der gleichen Semesterstufe stammten, waren die gestalterischen Niveaus der Einzelnen kaum zu vergleichen. Auf Nachfrage, woran das liegen könnte, berichtete mir Herr Fugui, dass in China ein Hochschulabschluss zwar wichtig sei, aber in welchem Fach dieser Abschluss absolviert würde, spiele kaum eine Rolle. Dazu käme, dass die Aufnahmeprüfung für das „Hubei Institute of Fine Arts“ in Wuhan seit Jahrzehnten dieselbe sei. Die Schülerinnen und Schüler können sich also auf diesen Test sehr gut vorbereiten, um einen Studienplatz zu bekommen. Diese Prüfung garantiert jedoch keine gestalterische Begabung. Was für die Lehrenden wiederum bedeutet, mit extrem heterogenen Gruppen arbeiten zu müssen. Das erklärt wohl auch den eher pragmatischen Umgang im Unterricht, in dem der Fokus auf das Nachahmen und Kopieren konzentriert ist und weniger der Unterstützung kreativer Prozesse dient.

Am Ende dieser abenteuerlichen Woche voller Überraschungen habe ich zwar gelernt, was es heißt 130 Studierende zu unterrichten und mit sprachlichen Hürden umzugehen, dennoch bin ich davon überzeugt, dass kreative, produktive Designprozesse nur in kleineren Gruppen (von max. 30 Studierenden) möglich sind.

Überraschenderweise gab es zum Abschluss des Workshops ca. 100 erstellte Plakate, davon ca. 15 schöne Ergebnisse, glückliche Studierende und eine Hochschule, die mich wahrscheinlich zu einem weiteren Workshop im nächsten Jahr einladen möchte.

Mal sehen, ob ich 2018 wieder bereit bin für diese besondere Herausforderung.